Über Stefan Asmus

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WELTDESIGN. Entwurf einer Neuen Kybernetik des Gestaltens.

2026-05-24T12:28:17+02:00

Eine systemtheoretisch fundierte Ontologie der Gestaltung als Praxis der Weltkonstitution.

Do not merely observe the world.
Take part in its becoming.

Prolog.
Weltdesign geht von einer einfachen, aber grundlegenden Erfahrung aus: Menschen leben nicht zuerst in Begriffen, Funktionen, Daten oder Modellen. Sie leben in Räumen, Beziehungen und Atmosphären. Sie erfahren Nähe oder Fremdheit, Vertrauen oder Unruhe, Orientierung oder Verlorenheit. Lange bevor Welt erklärt wird, wird sie erfahren. Doch diese Erfahrung bleibt nicht stumm. Sie sucht Ausdruck. Sie wird in Gesten, Worten, Bildern, Dingen, Räumen und technischen Formen mitteilbar. Gestaltung beginnt, wo Erfahrung Form sucht.

Diese Erfahrung ist nicht bloß subjektiv oder psychologisch. Sie bildet die Grundschicht unseres Weltkontakts. In ihr zeigt sich, dass Menschen der Welt nicht äußerlich gegenüberstehen. Sie sind immer schon beteiligt. Für diese ursprüngliche Einlassung in Welt wird der Begriff der Weltverbundenheit im Verlauf dieser Untersuchung zentrale Bedeutung gewinnen. Gemeint ist damit kein nachträgliches Gefühl und keine romantische Sehnsucht, sondern eine Grundbedingung unseres Daseins.

Gerade diese Weltverbundenheit wird in der Gegenwart von Logiken der Berechnung, Steuerung und Verwertung überlagert. Ernst genommen wird vor allem, was messbar, modellierbar, simulierbar und prognostizierbar erscheint. Mit Computertechnologie und Künstlicher Intelligenz gewinnt diese Tendenz eine neue kulturelle Dominanz. Was sich nicht leicht zählen oder kontrollieren lässt, verliert an Gewicht. Atmosphäre erscheint als Stimmung, Schönheit als bloßer Geschmack, Qualität als subjektive Vorliebe, Resonanz als Gefühl, Sinn als private Deutung. Darin zeigt sich eine Verarmung der ästhetischen Urteilskraft. Wird sie in den Bereich subjektiver Beliebigkeit abgedrängt, verliert eine Kultur die Fähigkeit, Stimmigkeit, Angemessenheit, Schönheit, Qualität und Tragfähigkeit ihrer Weltverhältnisse zu unterscheiden.

Diese Sichtweise ist umso problematischer, als sie einen reduktiv-mechanistischen Wirklichkeitsbegriff fortschreibt, dessen Anspruch auf allgemeine Geltung in Naturwissenschaft, Soziologie, Hermeneutik, Phänomenologie und Wissenschaftstheorie längst überschritten ist. An der Oberfläche erscheint Wirklichkeit als Welt der Dinge, Körper und Funktionen. In ihrer Tiefenstruktur aber zeigt sie sich als Gefüge von Relationen, Feldern, Wechselwirkungen, Spannungen und Prozessformen. Resonanz, Feld, Schwingung und Atmosphäre sind deshalb keine subjektiven oder esoterischen Ausweichbegriffe, sondern Begriffe für jene Tiefenstruktur, ohne die Gestaltung in ihrer Reichweite nicht verstanden werden kann.

Weltdesign setzt bei dieser Freilegung der Tiefenstruktur von Wirklichkeit an. Es widerspricht der Reduktion von Welt auf Nutzbarkeit, Berechenbarkeit und Steuerung, bleibt aber nicht beim Widerspruch stehen. Es fragt, wie unter Bedingungen digitaler Transformation, wachsender Komplexität und funktionaler Verdichtung jene Formen gestaltet werden können, in denen Welt bewohnbar wird und Qualität erfahrbar bleibt. Welt meint dabei keinen fertigen Bestand und keinen bloßen Funktionsraum menschlicher Zwecke. Sie bezeichnet den offenen Horizont, aus dem konkrete Weltverhältnisse hervorgehen: Gefüge gemeinsamer Lebensbedingungen, in denen natürliche, kulturelle und technische Prozesse ineinandergreifen.

Mit Weltdesign tritt eine Neue Kybernetik des Gestaltens in geschlossener Form hervor. Diese Neue Kybernetik meint nicht mehr nur Steuerung und Kontrolle, sondern Rückkopplung, Beziehung, Resonanz, Feld und Wirksamkeit. Sie bildet den theoretischen Horizont, in dem Gestaltung nicht isoliert, sondern aus dem Kontext technischer, sozialer, kultureller und ökologischer Bedingungen heraus verstanden wird. Weltdesign macht diesen Horizont sichtbar, indem es Gestaltung zum Ausgangspunkt nimmt: Von ihr aus wird erkennbar, wie Formen, Medien, Räume, Institutionen, Atmosphären und Lebensbedingungen ineinandergreifen.

Damit verändert sich der Status der Gestaltung. Gestaltung ist nicht Verschönerung, nicht Oberfläche und nicht das, was nachträglich hinzukommt, wenn Technik, Organisation oder Funktion bereits feststehen. Sie arbeitet an Sichtbarkeiten, Schwellen, Zeichen, Räumen, Interfaces, Atmosphären und Lebensbedingungen. Sie entscheidet mit darüber, was als wichtig erscheint, was verborgen bleibt, welche Beziehungen möglich werden und ob eine Situation trägt oder zerfällt.

Daraus folgt eine praktische Erkenntnis: Wenn Welt durch gestaltete Bedingungen zugänglich wird, dann sind wir diesen Bedingungen nicht bloß ausgeliefert. Wir können an ihnen mitwirken. Gestaltung beginnt nicht erst im Atelier, im Büro, in der Konzeption oder im Entwurf. Sie beginnt dort, wo Worte gewählt, Gesten gesetzt, Räume betreten, Dinge geordnet, Beziehungen gepflegt oder Störungen erzeugt werden. Schon kleine Eingriffe verändern das Feld, in dem Leben Orientierung, Nähe, Schutz oder Unruhe findet.

Für professionelle Gestalterinnen und Gestalter in Kunst, Architektur, Design und verwandten Praxisfeldern verschärft sich diese Einsicht zu einer besonderen Verantwortung. Sie gestalten nicht nur Objekte oder Oberflächen. Sie erzeugen Bedingungen von Wahrnehmung, Orientierung, Teilhabe und Resonanz. Wo sie gestalten, verändern sie Weltverhältnisse.

Darum ist Weltdesign keine Designtheorie im engen Sinn. Gemeint ist nicht, die Welt wie ein Objekt zu entwerfen. Dem Reduktionismus der Gegenwart setzt Weltdesign Gestaltung als grundlegendes Prinzip der Welterschließung entgegen. Welt erscheint immer durch gestaltete Bedingungen hindurch: durch Sprache, Räume, Medien, Dinge, Institutionen, technische Systeme, soziale Ordnungen und kulturelle Muster. Gestaltung ist daher nicht nachgeordnet. Sie gehört zur Weise, in der Welt wahrnehmbar, bewohnbar und bedeutungsvoll wird.

So lässt sich der Kern von Weltdesign einfach benennen: Welt soll nicht nur funktionieren, sondern tragen. Sie braucht Bedingungen, in denen Sinn entstehen, Qualität erfahrbar, Rhythmus gegen Beschleunigung wirksam und Verbindung als wirkliche Nähe möglich werden kann. Technische Steuerung muss durch Antwortfähigkeit ergänzt werden, Nutzung durch Bewohnbarkeit, Funktion durch Verantwortung. Eine solche Welt entsteht dort, wo Beteiligung ernst genommen wird.

Das vorliegende Werk unternimmt den Versuch, diese Beteiligung begrifflich zu klären, systematisch zu entfalten und in ihrer Tiefenstruktur sichtbar zu machen. Es richtet sich an alle, die verstehen wollen, warum Gestaltung nicht nur professionelle Praxis ist, sondern eine Grundform der Weltbeteiligung. Zugleich versteht es sich als Tiefenstrukturanalyse gestalterischen Denkens und Handelns. Für professionelle Gestalterinnen und Gestalter macht es sichtbar, was in Konzeption, Entwurf, Realisation und Wirksamkeit geschieht: wie Gestaltung unterscheidet, auswählt, verdichtet, Formen bildet, Möglichkeiten öffnet und Weltverhältnisse verändert.

Dieses Buch zeigt, dass Gestaltung eine Form der Weltkonstitution ist. Jeder Mensch hat an ihr teil, bewusst oder unbewusst, professionell oder alltäglich. Wer das versteht, erkennt Gestaltung nicht mehr als Randtätigkeit, sondern als eine Weise, jene Bedingungen mitzugestalten, unter denen Welt bewohnbar bleibt, Sinn entstehen und Qualität erfahrbar werden kann. Von hier aus beginnt die folgende Untersuchung.

erscheint 2026 als internationale Publikation (Umfang ca. 500 Seiten)

WELTDESIGN. Entwurf einer Neuen Kybernetik des Gestaltens.2026-05-24T12:28:17+02:00

s y n h i s t a m e i n. Zusammenhänge gestalterisch denken und praktisch umsetzen. Gegen den reduktionistischen Nihilismus im Design!

2025-05-25T15:32:35+02:00

Der heutige Gestaltungsbetrieb hängt nach wie vor einem auf Dingwelten und Bestandfunktionalitäten reduzierten mechanistisch-ontologischen Denken an. Der Blick auf umfassende natürliche Zusammenhänge kommt in einer auf Digitalisierung und fortschreitender Mathematisierung der Lebenswelt ausgerichteten Perspektive zunehmend abhanden; die Komplexität lebendiger Beziehungen weicht einem pseudo-objektivistischen und fragmentierenden Nihilismus, der lebendige Vorgänge auf statistisch relevante Messgrössen reduziert.
So geht das Erstaunen am Wunderbaren verloren!

Aber nicht nur das. Reduktionistisches Denken ist dem Differenzierungniveau und Beziehungsreichtum evolutionärer Prozesse nicht angemessen. Es arbeitet gegen die natürlich-evolutionäre Ausrichtung, Wert und Relevanz aus Unterscheidungen und nicht aus höheren Offenbarungen oder politischen Dogmatiken zu beziehen. Die gelebte Praxis auf der Basis des reduktionistischen Denkens lautet: Simplifizierung, Überidentitätsdogmatik, Zerstörung!

Spätestens dort, wo sich insbesondere das heutige Kommunikationsdesign jenseits der Gestaltung von Buchumschlägen, Plakaten und Webseiten mit sozialen und zivilgesellschaftlich relevanten Fragestellungen befaßt (Social Design, Civic Design), wo die digitale Transformation als gesellschaftliche Transformation begriffen und gesellschaftlicher Strukturwandel als Gestaltungsaufgabe ernst genommen wird, wächst die Einsicht in die Notwendigkeit der Bereitstellung und methodologischen Aufbereitung gestaltungsrelevanter Beschreibungssprachen, die in ihrer Eigendifferenziertheit dem Auflösungsmodus und der Tiefendimension hochkomplexer Gegenstandsbereiche und Reflexionsinstanzen möglichst weitgehend entsprechen.

Die moderne Systemtheorie bietet sich hierfür an. Sie hat sich als System/Umwelt- Theorie von früheren kybernetischen Überlegungen emanzipiert und enorm weiterentwickelt. Ihre Beschreibungssprache ist differenzorientiert und nichtontologisch. Sie ist undogmatisch, kontingent und modellhaft. Sie rückt den entfremdeten Anthropos als primäre Erkenntnisinstanz  aus dem Zentrum der Weltbetrachtung in die Peripherie, wo er -wie die Objekte selbst- als Informationsträger nur im Kontext relevanter Umwelten taugt.

Systemisch-kybernetische Verfahren sind angebunden an exakte Naturwissenschaft, aber auch an eine Naturphilosophie mit metaphysischer Konstitution. Sie synthetisieren natur- und geisteswissenschaftliche Dimensionen, kombinieren Technik und Ästhetik. Sie plausibilisieren den Umgang mit offenen Welt- und Verstehenshorizonten und markieren das gestalterische Potential als risikobehaftet, modellhaft und reversibel.

Gestalter sind an der dynamischen Entwicklung, der Verbundenheit und Beschaffenheit natürlicher und künstlich-kultureller Prozesse und Artefakte interessiert, sie suchen nach Gestaltformationen im Möglichkeitenkosmos, den sie durch Überschreitung modellhaft ausleuchten. Die Überschreitung ins Unbekannte erzeugt einen Resonanzeffekt im Bekannten. Gestalter lassen den Erkenntniszugriff aufs Unbekannte mitschwingen, deshalb benötigen sie systematisch trainierten Umgang mit Beschreibungssprachen, die ihr Vorgehen begründbar machen und legitimieren.

Das gestalterische Denken und Handeln an die Exaktheit und phänomenale Reichweite der systemtheoretischen Beschreibungssprache zu koppeln, ist ein Hauptstrang  unserer Bemühungen. Der zweite Hauptstrang widmet sich dem Verhältnis von Mensch, Natur und technischem Artefakt, insbesondere auch den aktuellen Prozessen der digitalen Transformation unserer Gesellschaft. Dabei ist uns wichtig, nicht nur über Medien zu reflektieren, sondern technische Artefakte als Erweiterung unserer natürlichen Anlagen zu betrachten, den Computer bis in die aktuellen Formen künstlicher Intelligenz nicht als Werkzeug, sondern als erkenntnisgenerierendes Medium zu begreifen. Gemäß dieser Perspektivenverschiebung setzt Gestaltung digitaler Medien auf technischen Algorithmen und Codierungen auf, die ihre Wirkung im Kontext kommunikativer, kultureller und künstlerischer Dimensionen entfalten. Deshalb arbeiten wir mit einem erweiterten Gestaltungsansatz, der die Dimension von technischer Codierung, bildnerisch-anschaulicher Gestaltung (Poesie), sowie digitaler kultureller Evolution umgreift und in eine relevante gestalterische Praxis überführt.

s y n h i s t a m e i n. Zusammenhänge gestalterisch denken und praktisch umsetzen. Gegen den reduktionistischen Nihilismus im Design!2025-05-25T15:32:35+02:00

Lehrveranstaltungen Prof. Dr. Asmus

2023-04-14T20:38:06+02:00

Individual Talks and Consultings, seit 2001

Einführung in die Neue Kybernetik, SoSe 2023

Ans Licht der Welt kommen, WS 2022/23

Masterstudio Civic Design, 2022, 2023

Seminaristische Exkursion Tarifa, 2022, 2023

Einführung in die Technikphilosophie Gilbert Simondons, SoSe 2022

NatureCulture, WS 2021/22

Rückkopplungen bildgestützter Systeme auf urbane Umgebungen, SoSe 2021

Einführung in das systemtheoretische Kommunikationsmodell, SoSe 2021

Contemporary Sculpture Walk Hólmavík (Island), seit 2019

Navigating in a disruptive world, WS 2020/21

Systemtheorie, WS 2020/21

Contemporary Sculpture Walk, SoSe 20, WS 2020/21

Kybernetik, SoSe 2020

The Wild Blue Yonder – Von Werner Herzog zur ‚live augmented sculpture‘ WS 2019/20

Weltdesign, WS 2019/20.

Gestaltungskraft, SoSe 2019 und WS 2019/20

The Wall – Interaktive Medienwand für den Öffentlichen Raum SoSe 2019

Algorithmus und Poesie – Künstliche Intelligenz, Visualität und eine Theorie der Erkenntnisobjekte, WS 2017/18.

Massenangst – Studien zur Rückseite des Zeitgeschehens, WS 2016/17.

Neuer Realismus und Digitale Welt, WS 2015/2016.

Die Beteiligung des Designs am Aufbau der Zivilgesellschaft, SoSe, 2015.

Einführung in das Systemdesign, SoSe 2014.

Seminar Low End Theory Club SoSe 2014.

Die Zukunft der Fotografie, WS 2013/14.

Freak Design, WS 2013/14.

Utopos / Eutopos, SoSe 2012.

Ausweitung der Übungszone: Robot Opera, Kumano, Hana Bi und Lucky Hole. SoSe 2012.

Bilder machen Körper töten, SoSe 2011.

Wie man dem toten Designer die Bilder erklärt, Teil 1 SoSe 2010.

Bild und Stadt, SoSe 2010.

«Your Communication»
Zur reflexiven Praxis und Methode des Kommunikationsdesign, 2008.

Zur Logik und Ästhetik der Hypermedien, seit 2001.

 

ausführlich: http://design.hs-duesseldorf.de/asmus/asmus_lehr

Lehrveranstaltungen Prof. Dr. Asmus2023-04-14T20:38:06+02:00

Algorithmus und Poesie

2021-08-23T23:40:56+02:00

Die Digitale Welt entsteht durch das fortschreitende Prozessieren des Formrepertoires rechnender Maschinen; durch die einfache Unterscheidung zweier Zustände und die kontrollierte Handhabung der fortlaufenden Differenzierung dieser Zustände (Algorithmen) ist der Computer in der Lage, in universeller Weise reale Weltbestände symbolisch zu repräsentieren. Dabei darf die heutige Komplexität der rechnenden Vorgänge nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Computer rein quantitativ vorgeht. Ihm wohnt keine lebendige Evolution inne, kein Telos, keine Reflexivität, keine Sinnhaftigkeit, keine Qualität. Er ist nichts Anderes als ein beliebig skalierbares Zeichensystem, durch das Strom fließt. Aber seine Turing-Vollständigkeit, die Fähigkeit prinzipiell Alles symbolisch repräsentieren zu können, erklärt den gigantischen Einfluss der rechnenden Maschine, die sämtliche Aspekte unserer Gesellschaft und der sie repräsentierenden Lebenswelten und Teilsysteme erfasst hat.

Das macht deutlich, dass die Poetische Dimension als eigenständige reale Dimension im Unterschied zur rechnenden Instanz, ihrer Logik und Algorithmen entwickelt werden muss.

Internationale Tagung Design and Digitization

Algorithmus und Poesie2021-08-23T23:40:56+02:00

Eine komplizierte Welt verlangt nach gestalterischer Selektivität, nicht nach Simplizität!

2021-08-23T23:24:44+02:00

Als Designer ist man aufgefordert, übersichtliche, einfache und handhabbare Lösungen zu erarbeiten. Es ist aber eine entscheidende Entwurfsschwäche Einfachheit unter Auslassung einer systematischen Reduktion von Komplexität herstellen zu wollen. Letzteres setzt voraus, den Gegenstand in seiner Vielschichtigkeit, Folgelastigkeit und Vernetzung zu erkunden und im Entwurfsprozess Alternativen gegeneinander abzuwägen. Die Entscheidung für eine einfache Lösung steht dann am Ende einer langen Selektivitätskette, die ein um das andere Mal um Begründungen ringt, das Möglichkeitenspektrum und die Zahl der Alternativen systematisch einzugrenzen. Demgegenüber steht die Entwurfsschwäche des Simplizisten, der diese Problemzusammenhänge schlicht unterschlägt.

Komplexität, Sinn, System

Eine komplizierte Welt verlangt nach gestalterischer Selektivität, nicht nach Simplizität!2021-08-23T23:24:44+02:00

Der Neue Realismus im Design

2018-03-20T13:18:23+01:00

Der unter dem Titel „Neuer Realismus“ laufende philosophische Diskurs beschäftigt sich mit den Ermüdungserscheinungen postmoderner, konstruktivistischer und idealistisch-hermeneutischer Theoriebildung. Gefordert wird nichts anderes als eine erkenntnistheoretische Neuorientierung, die auf die Reformulierung unseres Verhältnisses von Sprache, Begriff und Wirklichkeit ausgerichtet ist. Insofern ist das Verständnis von Welt, Wirklichkeit, Wahrheit, Objektivität, aber auch Qualität und Wert neu zu formulieren.

Der Diskurs wird vielschichtig und überaus ambitioniert geführt. Er wendet sich gleichermassen gegen den universalistischen Überlegenheitsgestus einer metaphysikfernen Naturwissenschaft, gegen die Einseitigkeit der Neurowissenschaft und Hirnforschung, die Fragen der Qualität und des Bewusstseins auf Messdaten reduziert, als auch gegen den Überschwang einer Bedeutungslehre und Simulationsbehauptung, die den ontischen Status einer jedweden Realität als Bewusstseinsdesiderat obsolet macht und sich in den Zirkel relativistischer Beliebigkeit versteigt.

Der Neue Realismus im Design2018-03-20T13:18:23+01:00

Gestaltung als Praxis der Welterschließung

2026-05-28T10:24:00+02:00

Gestaltung ist nicht nachträgliche Formgebung an einer bereits fertigen Welt. Sie ist eine grundlegende Praxis der Welterschließung. In ihr wird Welt nicht nur geordnet, verschönert, vermittelt oder optimiert. In ihr wird Welt überhaupt erst zugänglich, wahrnehmbar, deutbar und bewohnbar. Gestaltung steht damit nicht am Rand des Wirklichen, sondern in seinem Hervorgang. Sie ist keine dekorative Begleitdisziplin, sondern ein Grundvollzug menschlicher Weltbeziehung.

Diese Behauptung gewinnt ihre Deutlichkeit erst, wenn man sich von einem verkürzten Bild der Welt löst. Solange Welt als fester Bestand von Dingen erscheint, kann Gestaltung nur als etwas Sekundäres gelten. Dann kommt zuerst die Realität, und erst danach kommt ihre Bearbeitung. Dann ist das Eigentliche bereits da, und Gestaltung betrifft nur noch Oberfläche, Verpackung, Kommunikation oder Anwendung. Diese Sicht greift zu kurz. Welt erscheint nie voraussetzungslos. Sie ist geworden. Sie tritt immer nur in bestimmten Formen der Unterscheidung, Wahrnehmung, Sprache, Zeitlichkeit, Räumlichkeit und sozialen Anschlussfähigkeit hervor. Was erscheint, erscheint in Form. Und wo Form ins Spiel kommt, ist Gestaltung nicht mehr nachgeordnet, sondern ursprünglich.

Gestaltung ist deshalb als Praxis der Welterschließung zu verstehen, weil sie an den Bedingungen des Erscheinens arbeitet. Sie setzt nicht bloß an fertigen Gegenständen an, sondern an Schwellen, Rhythmen, Medien, Relationen, Blickordnungen, Sprachfiguren, Interfaces, Atmosphären und Übergängen. Sie organisiert nicht nur Objekte, sondern Möglichkeiten. Sie schafft nicht nur Lösungen, sondern Zugänge. Ihr eigentliches Werk besteht nicht allein in dem, was sie produziert, sondern in der Weise, wie sie Welt erfahrbar macht.

Darin liegt ihre erkenntnistheoretische Bedeutung. Gestaltung ist nicht bloß Vollzug dessen, was anderswo schon gedacht wurde. Sie ist selbst eine Form des Denkens. Entwurf im gestalterischen Sinne  ist deshalb so zentral, weil er diese Einsicht in konzentrierter Form sichtbar macht. Ein Entwurf ist keine Illustration eines fertigen Gedankens. Er ist eine Hypothese in Form. Er macht etwas prüfbar, anschaulich, vergleichbar und dadurch überhaupt erst urteilbar. Gestaltung bringt also nicht nur Erkenntnisse zur Erscheinung. Sie erzeugt Erkenntnis im Vollzug ihrer Formgebung. Sie ist Denken mit sinnlichen, räumlichen, zeitlichen und medialen Mitteln.

Das gilt nicht nur für klassische Entwurfsprozesse, sondern für alle Bereiche, in denen Welt in eine wahrnehmbare Ordnung überführt wird. Wissensdesign erschließt Zusammenhänge, die ohne gestalterische Verdichtung im Abstrakten verbleiben würden. Kommunikationsdesign organisiert nicht bloß Botschaften, sondern die Bedingungen, unter denen Verstehen überhaupt anschlussfähig wird. Civic Design wirkt an den Strukturen des Zusammenlebens, an Teilhabe, Orientierung und öffentlicher Erfahrbarkeit. Interfacegestaltung prägt nicht nur Bedienoberflächen, sondern Weltzugänge. Raumgestaltung ordnet nicht nur Flächen, sondern Verhältnisse von Nähe, Ferne, Dichte, Offenheit und Bewegung. Zeitgestaltung strukturiert Rhythmen, Dauer, kairos, Erwartung und Eigenzeit. In all diesen Fällen wird deutlich: Gestaltung bearbeitet nicht einfach Inhalte. Sie erschließt Welt.

Diese Erschließung ist jedoch nie neutral. Wer Welt erschließt, wählt aus. Wer Formen setzt, markiert Unterschiede. Wer Sichtbarkeit organisiert, produziert zugleich Unsichtbarkeit. Gestaltung ist daher immer selektiv. Sie zeigt und verbirgt, öffnet und schließt, verdichtet und lässt aus. Gerade deshalb ist sie nicht bloß technische Tätigkeit, sondern verantwortliche Praxis. Denn jede Erschließung setzt Maßstäbe dafür, was als relevant gilt, was als sagbar erscheint, was als benutzbar, lebbar oder denkbar in den Horizont tritt. Gestaltung ist in diesem Sinn eine Praxis der Gewichtung. Sie entscheidet nicht über das Ganze der Welt, aber sie prägt, welche Welt in einer bestimmten Situation hervortreten kann.

Hier berührt die Welterschließung die Frage des Sinns. Sinn ist nicht bloß Bedeutung im lexikalischen Sinn, sondern das Medium, in dem überhaupt Anschluss möglich wird. Gestaltung ist die sichtbare, hörbare, räumliche und zeitliche Organisation dieser Anschlussfähigkeit. Sie strukturiert Möglichkeiten des Weiterdenkens, Weiterfühlens, Weiterhandelns. Darin liegt ihre eigentliche Tiefe. Sie gibt sich nicht mit dem Vorfindlichen zufrieden, sondern arbeitet daran, dass etwas in einen Zusammenhang treten kann, der es über sich hinaus verweist. Gestaltung erschließt nicht nur Welt. Sie erschließt Sinnzusammenhänge der Welt.

Gerade deshalb ist Gestaltung auch nie bloß funktional. Funktion ist wichtig, aber sie reicht nicht aus, um die Leistung des Gestaltens zu verstehen. Eine rein funktionale Sicht fragt, ob etwas funktioniert. Eine gestalterische Sicht fragt darüber hinaus, wie es erscheint, wie es anschließt, wie es wirkt, welche Beziehungen es stiftet, welche Zeit es eröffnet, welche Aufmerksamkeit es bündelt, welche Atmosphäre es trägt und welche Form des Lebens es nahelegt. Funktion beantwortet eine Frage. Gestaltung eröffnet einen Erfahrungsraum. In diesem Erfahrungsraum wird Welt nicht nur abgewickelt, sondern erlebt, gedeutet und bewohnt.

Damit wird auch verständlich, warum Ästhetik für die Welterschließung konstitutiv ist. Ästhetik ist nicht Zutat, sondern die Grundweise, in der Welt erscheint. Jede Erschließung ist ästhetisch mitbedingt, weil jede Erschließung Wahrnehmbarkeit organisiert. Was keine Form gewinnt, kann auch nicht in Erscheinung treten. Was nicht in Erscheinung tritt, bleibt dem Zugriff von Urteil, Erfahrung und Handlung entzogen. Gestaltung ist deshalb immer ästhetische Praxis, selbst dort, wo sie sich nicht ausdrücklich auf Schönheit, Stil oder Kunst beruft. Sie macht Welt sinnlich zugänglich, ohne sie auf das Sinnliche zu reduzieren.

Diese Einsicht gewinnt in der Gegenwart besondere Dringlichkeit. Denn die heutige Welt ist von einer Fülle technischer, medialer und algorithmischer Operationen geprägt, die ihrerseits Welt erschließen, aber oft in einer Weise, die Verfügbarkeit mit Verständnis verwechselt. Digitale Systeme berechnen Relevanzen, simulieren Sichtbarkeit, strukturieren Aufmerksamkeit, filtern Kommunikation und ordnen Zugänge. Sie sind selbst längst Akteure der Welterschließung geworden. Gerade dadurch verschärft sich die Frage nach Gestaltung. Denn wenn Welt zunehmend technisch erschlossen wird, dann entscheidet sich umso deutlicher, ob diese Erschließung Welt verengt oder öffnet, ob sie Beziehung ermöglicht oder reduziert, ob sie Resonanzräume schafft oder bloß Reizketten erzeugt.

Gestaltung als Praxis der Welterschließung steht deshalb quer zur bloßen Logik der Optimierung. Sie fragt nicht nur nach Effizienz, sondern nach Tragfähigkeit. Nicht nur nach Bedienbarkeit, sondern nach Weltbezug. Nicht nur nach Informationsdichte, sondern nach Bedeutungstiefe. Nicht nur nach Sichtbarkeit, sondern nach dem Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem. Genau darin unterscheidet sie sich von einer rein technischen Bearbeitung der Wirklichkeit. Technik löst Probleme im Horizont des Gegebenen. Gestaltung kann den Horizont selbst verschieben.

Diese Verschiebung ist nur möglich, weil Gestaltung auf das Unbekannte bezogen bleibt. Welterschließung heißt nicht, Welt restlos verfügbar zu machen. Sie heißt, mit jener Offenheit zu arbeiten, in der Welt mehr ist, als sich je vollständig darstellen lässt. Gute Gestaltung erschließt Welt deshalb nicht, indem sie sie abschließt, sondern indem sie sie in tragfähigen Formen offenhält. Sie gibt genug Gestalt, damit etwas hervortreten kann, und lässt genug Leere, damit das Hervorgetretene über sich hinausweisen kann. In dieser Balance zwischen Bestimmung und Offenheit liegt die eigentliche Kunst der Welterschließung.

Hier treffen sich Gestaltung und Metaphysik. Denn wenn Welt mehr ist als das, was jeweils sichtbar, sagbar oder verfügbar wird, dann bleibt jede Erschließung auf einen Grund verwiesen, den sie nicht selbst hervorbringt. Gestaltung operiert an der Grenze zwischen Form und dem, was Form ermöglicht. Sie arbeitet mit Differenzen, deren Ursprung nicht vollständig in ihrer Verfügung liegt. Gerade deshalb bleibt sie auf Haltung angewiesen. Welterschließung ist nicht nur eine technische oder methodische Leistung. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Weltverbundenheit, Urteilskraft, Qualitätssinn und die Bereitschaft, sich vom Wirklichen in Anspruch nehmen zu lassen.

Daraus folgt auch, dass Gestaltung immer mehr ist als Produktion. Sie ist Antwort. Sie antwortet auf Situationen, auf Spannungen, auf Mängel, auf Möglichkeiten, auf Spuren, auf Atmosphären, auf das noch Unartikulierte. Diese Antwort ist nicht bloß subjektiver Ausdruck. Sie ist ein Weltverhältnis. Gestaltung erschließt Welt, indem sie auf sie antwortet und in dieser Antwort neue Weltzugänge hervorbringt. In diesem Sinn ist sie weder bloß subjektiv noch bloß objektiv. Sie ist relationale Praxis.

Die Reichweite des Gestaltens liegt daher nicht darin, dass es schöne Dinge hervorbringt, obwohl es das auch kann. Seine Reichweite liegt darin, dass es Welt gegen Verflachung verteidigt. Gegen jene Tendenz, alles auf Funktion, Zahl, Kalkül, Besitz, Verfügbarkeit oder bloßen Effekt zu reduzieren. Gestaltung erschließt Welt, indem sie zeigt, dass Wirklichkeit mehr ist als ihre technische Bearbeitbarkeit. Sie bringt zum Vorschein, dass Leben in Räumen, Zeiten, Formen, Rhythmen, Symbolen, Gesten, Übergängen und Beziehungen geschieht. Sie ist eine Praxis der Weltrettung im kleinen und im großen Maßstab.

Dies erklärt auch, warum Gestaltung nicht auf professionelle Gestalter beschränkt bleiben kann. Gewiss besitzt das Design im engeren Sinn eigene Felder, Methoden und Kompetenzen. Aber die Grundbewegung der Welterschließung betrifft jedes menschliche Leben. Jeder Mensch lebt in Formen, erzeugt Formen, deutet Formen, reagiert auf Formen und wirkt durch Formen auf andere zurück. In diesem weiteren Sinn ist Gestaltung eine anthropologische Konstante. Das Spezifische des professionellen Gestalters liegt dann nicht darin, dass nur er gestaltet, sondern darin, dass er diese Bedingung reflektiert, verfeinert, methodisch schult und kulturell verantwortet.

So gewinnt Gestaltung als Praxis der Welterschließung eine doppelte Bestimmung. Einerseits ist sie eine professionelle, disziplinär ausgebildete Kompetenz. Andererseits ist sie ein Modell dafür, wie menschliches Leben überhaupt Welt erschließt. Gerade in dieser doppelten Bestimmung liegt ihre Reichweite. Sie verbindet Theorie und Praxis, Wahrnehmung und Begriff, Ästhetik und Erkenntnis, Ethik und Form, Alltag und Entwurf.

Am Ende lässt sich deshalb sagen: Gestaltung ist nicht deshalb wichtig, weil sie der Welt nachträglich ein schöneres Aussehen gibt. Sie ist wichtig, weil Welt ohne Gestaltung blind bliebe für ihre eigenen Möglichkeiten. Gestaltung macht Welt nicht nur sichtbar. Sie macht sie antwortfähig. Sie öffnet Erfahrungsräume, in denen Sinn entstehen, Qualität spürbar werden und Zukunft tragfähig werden kann. Sie ist die Praxis, in der Welt als mehr erscheint als bloßer Bestand.

Gestaltung als Praxis der Welterschließung2026-05-28T10:24:00+02:00

Zum Verhältnis von Kunst und Design.

2021-08-23T23:45:18+02:00

Kunst und Design sind zwei Seiten einer Medaille, die wir mit Gestaltung zusammenfassend definieren. Beide Bereiche verbindet die Methodik, die Verknüpfung von Technik, inhaltlicher Relevanz und Poesie, sowie die zentrale Orientierung an Qualität. Aber: Bei allen Ähnlichkeiten des methodisch geleiteten konzeptuellen und entwerferischen Vorgehens lassen sich die Ziele von Künstlern und Designern jedoch klar unterscheiden.

Zum Verhältnis von Kunst und Design.2021-08-23T23:45:18+02:00

Kommunikationsmaschine

2018-06-08T11:43:29+02:00

 

Die Projektgruppe FACE hat unter der Leitung von Stefan Asmus und Thomas Molck von 2002 bis 2004 die bis 2015 und in Teilen noch heute gültige Informationsarchitektur der Hochschule Düsseldorf erarbeitet. Kernstück war ein webbasiertes Containersystem für die interaktive Aufbereitung und dynamische Präsentation von Informationen (interne und externe Kommunikation) auf der Basis von Open Source.

Die Entwicklungsarbeit wurde umfangreich dokumentiert und im Artikel „Kommunikationsmaschine“ beschrieben…

Kommunikationsmaschine2018-06-08T11:43:29+02:00
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